Freitag, 23. September 2022

[Kino] Mittagsstunde

 

© Filmladen Filmverleih

Es ist sehr ungewönlich, dass ich hier einen Film, der nichts mit Essen zu tun hat, in einem eigenen Posting vorstelle, der Grund ist ein persönlicher: Der Film hat mich so intensiv mitgenommen, zurück in die eigene Jugend am Land, hat mir auch die eigene Gegenwart vorgehalten, nämlich das Altwerden der nächsten Angehörigen mit allen damit verbundenen Problemen.

© Majestic / Christine Schroeder

 
Eigentlich angeschaut habe ich den Film wegen des Stichworts "Flurbereinigung". Das war die versprochene tolle Neuerung, die mich durch meine eigene Kindheit begleitet hat: Das Schleifen der Raine, Zusammenlegen der Felder, daher größere Felder, die mit immer größeren Maschinen immer einfacher zu bearbeiten sind. Und damit verbunden das Anlegen breiterer Straßen, oft mitten durch Dörfer hindurch. Der heimliche Hauptdarsteller des Films ist ein fiktives Dorf, dessen Geschichte von den 60-er Jahren bis in die Gegenwart gezeigt wird, vom mehr oder weniger funktionierenden Dorfleben bis zu der Zeit, in der das Land zu einer leicht erreichbaren Schlafstätte geworden ist.
 

© Majestic / Christine Schroeder

Der Protagonist Ingwer Feddersen (Charly Hübner) ist in der Gegenwart Lehrer an einer Universität. Er lässt sich für ein Jahr beurlauben, um ein Sabbatical bei seinen mittlerweile gebrechlichen Eltern, die immer noch auf dem Land leben, zu verbringen und ihnen zu helfen. Das Dorf seiner Kindheit ist kaum wiederzuerkennen: Das Dorfwirtshaus seiner Eltern ist geschlossen, das kleine Geschäft am Eck ist verschwunden genau wie der große Kastanienbaum auf dem Dorfplatz. Und Ingwer fragt sich, wann ist die heilige Mittagsruhe, die es in seiner Kindheit gab, eigentlich verschwunden?

© Majestic / Christine Schroeder

Diese Verfilmung des Bestsellers von Dörte Hansen ist eine Erzählung über die Menschen im Norden Deutschlands, die nicht viel reden. Entsprechend ruhig ist auch der Film, dem jede Aufgeregtheit fehlt − was aber bitte auf keinen Fall heißen soll, dass sich zu wenig tut.

Regie führt Lars Jessen nach einem Drehbuch von Catharina Junk. Voll leiser Melancholie wird die Geschichte des Verfalls der Dorfkultur erzählt, bei der immer die Frage mitschwingt, wer wir als Individuen und als Gesellschaft in Zukunft sein wollen und wo wir hingehören. Natürlich kommen auch die ganzen familiären Querelen zutage und es zeigt sich, dass das heile Landleben dann doch nie so heil war, wie es sich anfangs anfühlt. 

Der Film ist wahnsinnig einfühlsam, auch gut für jemanden, der mit Norddeutschland nichts am Hut hat. Mir hat sehr gefallen, dass in dem Film die Menschen einfach Menschen sind und niemals "die Behinderte", "die Demente", "der Intellektuelle" oder sonst in irgendwelche Schubladen gesteckt werden. Jeder trägt auf seine Weise seine Bürde, aber auch seinen Stolz. Ich hab jedenfalls Rotz und Wasser geheult beim Anschauen. Es ist wieder einmal ein Film für eher mittelalte bis alte Menschen wie mich, Kinder und junge Leute werden mit der doch schwer verdaulichen Thematik eher wenig anfangen können.

© Majestic / Christine Schroeder

Der Film läuft heute, den 23.9.2022 in den österreichischen Kinos an und es gibt eine unbedingte Empfehlung meinerseits, sich den Film anzuschauen.
 

2 Kommentare :

  1. Das klingt interessant! Flurbereinigung, Verkommen der Dörfer von klassischem Dorfleben zu Schlafstätten - allein das sind schon wichtige gesellschaftliche, ökonomische und politische Themen...

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